"Wir sind jung. Wir sind stark." - Eine filmische Annäherung an die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen 1992. Bundesweiter Filmstart

Die Pogrome gegen Asylsuchende und Migrant_innen in Rostock-Lichtenhagen liegen über zweiundzwanzig Jahre zurück und hinterlassen immer noch viele offene Fragen.
Mit dem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ zeichnet der junge Regisseur Burhan Qurbani ein Mosaik der Ereignisse aus Sicht einer Rostocker Jugend-Clique.
Warum die Polizei sich zurückzog und damit im entscheidenden Moment (rechtsfreien) Raum den von tausenden Zuschauern angefeuerten Brandstiftern gab, ist die entscheidende Frage, auf die es wohl nie eine Antwort von Verantwortlichen geben wird.
In der Figur von Stefans Vater, als Lokalpolit könnten, wird diese damalige verwaltete Ratlosigkeit zur lebendigen und aufdringlichen Fragestellung.
War allein Unfähigkeit auf Amtssesseln die Ursache, oder sollten hier Argumente für ein verschärftes Asylgesetz (das ein Jahr später tatsächlich kam) geschaffen werden?
„Wir brauchen eine neue Mauer“, ließ in jenen Tagen der Justizminister von Mecklenburg-Vorpommern verlauten. Dabei waren die Folgen der erst knapp drei Jahre zuvor demontierten Mauer noch längst nicht überwunden: die Angst vor Fremden, die Sorge, sein Leben nun selbst in die Hand nehmen zu müssen.
Regisseur Burhan Qurbani, als in Deutschland aufgewachsener Sohn afghanischer Eltern, der sich bei seinem zweiten Spielfilm auf ein Drehbuch von Martin Behnke stützte, lässt jene - nun abermals grassierende - Ausländerfeindlichkeit fast hautnah empfinden. Doch wie die pogromähnlichen Zustände erzählt werden können, wenn es denn keine Dokumentation sein sollte (für die reichlich Material vorhanden sein müsste, da das Fernsehen die Ereignisse damals fast live übertrug), war die schwierigere Frage.
Im Presseheft zitiert Qurbani einen Satz von Elias Canetti: „Der wahre Henker ist die Masse.“ Von einem aufklärerischen Willen zeugt der Film indes nicht. Will er auch nicht. Er zeigt vor allem das, was den Zuschauer anrührend verstören könnte: der Verlust einer Jugend in einer Umbruchsituation, die Unsicherheit der Politik in den Fragen der Zuwanderung oder auch die lauernde Bosheit des Kleinbürgers.
Die Heinrich-Boell-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern hat am Montag, den 19.1.15 zu einer Vorpremiere zum bundesweiten Filmstart geladen und das Gespräch mit Filmteam, Zeitzeugen und Publikum als Podcast online gestellt: www.filmgespraeche.de/wir-sind-jung-wir-sind-stark
Trailer zum Film: "Wir sind jung. Wir sind stark."
Fotoserie der Agentur Ostkreuz: Lichtenhagen ´92
 




 
Fotos: Heinrich-Boell-Stiftung MV